Systemrelevant

Für wen klatschen wir da und wollen die das überhaupt? Welche Jobs sind systemrelevant und von welchen irrelevanten Jobs können wir jetzt die relevanten Früchte ernten?


Die Gesellschaftspyramide

Der Begriff ‚systemrelevant‘ wurde vor dem Virus im Zusammenhang mit Banken in Krisenzeiten verwendet. Dabei handelt es sich vornehmlich um die Banken, die too big to fail sind. Geht es seit der Finanzkrise von 2007 nur um die Rettung des schnöden Mammons, hat der selbe Begriff während der Pandemie eine andere Bedeutung. Jetzt geht es nämlich um etwas wirklich Kostbares:

eine funktionierende Gesellschaft.

Systemrelevante Berufsgruppen sind so neu, wie Covid-19 selbst. Der Begriff wandert derzeit durch die Medien, als würde für ihn keine Ausgangssperre gelten. Eine spezifizierte Liste der systemrelevanten Jobs gibt es auf der Seite des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.
Wer ist also wichtig? Ähnlich wie die Ernährungspyramide, lässt sich Berufsdeutschland in Kategorien unterteilen. Bei den Lebensmitteln ist das Wasser die Basis, also das Mittel zum Leben. Unsere gesellschaftliche Basis sind die Menschen, die sich am unmittelbarsten am Virus abarbeiten (der Gesundheitssektor). Der Laden läuft nur, wenn Mediziner*innen und Pflegepersonal ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen.

Lebensmittelpyramide

Esset und trinket genau das. Besonders jetzt, wo ihr lieget auf den Sofen.

Eine Stufe weiter kommt das Obst und Gemüse unserer Gesellschaft. Also so ziemlich alles, was man unter der 110 und 112 erreichen kann. Die Einrichtungen, wo die Fahrzeuge von den Telefonnummern mit lautem Tatütata hinfahren, sind genauso existenziell, wie die, die darüber berichten (Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz und die Presse). Daneben existieren die Jobs, die dafür sorgen, dass wir mit Nahrung versorgt werden (Logistik, Lebensmittelhersteller, Supermarktangestellte) und die, die uns helfen, dass wir diese Nahrung wieder ausscheiden können und nicht in unserem Müll und Exkrementen ersticken (Wasserversorgung, Müllabfuhr, Klärwerke). Danach kommt die kartoffelige Sättigungsbeilage Deutschlands: der Finanzsektor und die Ämter unterstützen mit finanziellen Soforthilfen während Sozialarbeiter und Lehrer uns mit Wissen und einer guten Erziehung weiterhelfen. Die Kohlenhydrate in Nudeln und Brot decken den Energiehaushalt eines Menschen. Im dreieckigen Gesellschaftsäquivalent decken Kraftwerke den Bedarf der Haushalte, in denen Waschmaschinen die Joggingbuchsen wieder alpenfrisch schleudern. Die nächste Stufe ist Surf ‚n‘ Turf: die Berufsfelder, die sich darum kümmern, dass der Strom auch für sinnvolles, wie dem Internetrouter zugutekommt. Die Deutsche Post ist hierbei der Wichtigkeit von Milchprodukten gleichzusetzen, ein elementarer Baustein der täglichen Ernährung. Die Menschen mit Laktoseintoleranz sind dann wohl die, die Briefe nur noch elektronisch verschicken. Kurz vorm Strich zur Irrelevanz stehen die Nüsse, die im Transportsektor arbeiten.
‚Systemrelevant‘ als Begriff ist deshalb so problematisch, da die Übergänge nicht nur fließend sind, sondern andere Aufgabenbereiche damit abgewertet werden. Wer trägt wozu etwas bei? Und ab wann? Was machen die ‚Unwichtigen‘ in dieser Krise?

Applaus für die Gladiatoren

Wir applaudieren den Leuten in den Krankenhäusern. Was normalerweise eine Floskel ist, wird jeden Abend um neun Uhr am Fenster und Balkon zelebriert. Der Moment am Tag, an dem gealterte Flugzeugkapitäne an die 90er-Jahre zurückdenken und ihnen Tränen der Wehmut die Uniform besudeln. Achja, damals, Düsseldorf – Mallorca in der Hochsaison, so viel Applaus für jemanden, der einfach nur seinen Job ausübte. Schöne alte Zeit. Höhnisch ist der Applaus nicht gedacht, aber so fassen es derzeit einige aus dem medizinischen Sektor auf. Krankenpfleger*innen lassen ihren Unmut über Arbeitsbedingungen bei Facebook und Instagram freien Lauf und interessieren sich nicht für die Standing Ovations. Die Überforderung und die Unterbesetzung sind keine Probleme, die erst jetzt adressiert wurden, aber erst jetzt sind sie für jeden sichtbar. In diesen Wochen, in denen die Tage mit Push- und Hiobsbotschaften gefüllt sind, besitzt Vater und Mutti Staat die Möglichkeit den Grabenkämpfern finanzielle Unterstützung zur Verfügung zu stellen. Der private Sektor in der Lebensmittelbranche hat es vorgemacht. Allein Rewe schnürt dafür ein Paket von über 20 Millionen Euro und wirft das Geld aus dem eigenen in die Fenster ihrer Angestellten. Andere folgen.

Waaas willst du tun?

Aber was kann man dann noch tun, außer sich die Hände taub zu klatschen? Gegen den Pflegenotstand und für gerechtere Löhne auf die Straße gehen, würde nicht nur gegen aktuelles Recht verstoßen, sondern die Situation in den Krankenhäusern noch weiter verschlimmern. Ruhe bewahren und im Internet Petitionen unterzeichnen, ist eine Möglichkeit. Die andere: Ruhe bewahren und das unterbezahlte Personal passiv unterstützen, indem man nicht die günstigsten Lebensmittel hortet. Wenn die Doppelschichten im Krankenhaus vorbei sind und im halbvollen Supermarkt nur die Premiumprodukte von den Regalen glitzern, kommt man mit dem mageren Lohn nicht über den Monat.
Die dritte und wohl allerwichtigste Möglichkeit allen Bevölkerungsschichten zu helfen: Ruhe bewahren und zu Hause bleiben. Doch das mit der Ruhe wird langsam zu einem Problem und bei Kontrollen fallen die Ordnungshüter*innen den ersten Aggressionen zum Opfer. Da wir uns alle pausenlos im monothematischen Corona-Kreis drehen, fällt den Leuten on- und offline die Decke auf den Kopf. Und was passiert normalerweise, wenn ein Hype zu lange andauert? Richtig, die Stimmung kippt.
Die ersten Anzeichen dafür gibt es bereits und in den Kommentarspalten posten zwischen den Solidaritätsbekundungen einige unreflektierte Stimmen, dass die undankbaren Mediziner*innen sich mit der Zurückweisung des Applauses keine Freunde machen. Die Befürchtung besteht, dass das Internet Internetdinge tun wird und das wäre nicht nur scheiße, sondern auch gefährlich.
Bei weitaus unwichtigeren, aber dennoch polarisierenden Themen funktioniert das Internet in einer solchen Situation grundsätzlich in Wellen.

Wo wir schon übers Internet reden, hier noch Feel-Good-Mimis für euch:

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Eines Tages werden wir alt sein, Säugling.

Als Beispiel: Diese Wellenbewegung konnte man gut bei einem Gedicht beobachten, dass vor sechs Jahren (digital) viral gegangen ist. Wir hatten damals noch richtige Probleme. Ein motivierender Beitrag bei einem Poetry Slam über die Kunst, weniger zu labern und mehr zu machen. Die erste Welle: Alle finden’s erstmal geil.
Der Vortrag, in dem ein zittriges Mädchen mit zittrigem Stimmchen die Textzeilen eines Sommerhits zitiert, hinterfragt und weiterdenkt, wird tausendfach geteilt und millionenfach geklickt. Der Moment kommt, als das Internet dem ganzen überdrüssig wurde und ab hier geht es mit der Stimmung und dem Niveau rasant abwärts.
Die zweite Welle: Ein Shitstorm zieht am tiefblauen Blue-Screen Horizont auf. Hat die Dame, die da so unschuldig daherkommt, nicht mal in einer Soap eine Nebenrolle besetzt? Die tut nur so nervös und ist eigentlich eine professionelle Schauspielerin? Was will die mir überhaupt vorschreiben, wie ich mein Leben zu leben habe, Baby? Es regnet Hunde- und Katzenkacke.

Shitshitstormstorm

Die dritte Welle folgt, der Shitstorm des Shitstorms. Warum sind denn alle so pessimistisch? Kann man die Kunst nicht Kunst sein lassen? Ihr seid nur neidisch.
Die vierte Welle greift diejenigen an, die die angegriffen haben, die ursprünglich Kritik äußerten. Meistens gibt es nach der vierten Welle ein neues Thema, das man mit Scheiße beschmeißen kann, doch in Zeiten von Corona ist außer noch mehr Corona nichts in Sicht. Diese unsolidarische Selbstzerfleischung nimmt erste gefährliche Formen an, also wohin mit der ganzen Wut?

Wichtige Informationen sind wichtig, zu viele machen kirre.

Nochmal zusammengefasst: Zuallererst geht es um den Erhalt des einzelnen Menschenlebens, dann um den Erhalt der Gesellschaft und danach überschreiten wir die Grenze der Relevanz. Ab hier geht es nämlich nur noch darum diese Gesellschaft überhaupt lebenswert zu gestalten. In der Ernährungspyramide thront an der Spitze die gemeine Süßigkeit, vom Nährwert her sehr irrelevant.

beste
Und wenn ich sooper dooper sage, dann mein ich auch sooper dooper…

Niemand überlebt nur mit einer Tafel Schokolade, aber wir überleben für die Tafel Schokolade. In der Gesellschaftspyramide ist die Spitze, das, was die ultimative Frage beantwortet, die Frage nach dem Leben, dem Universum und überhaupt allem. Die Spitze, die dem Ganzen nicht nur einen Sinn gibt, sondern auch die wohlverdiente Ablenkung, die wir gerade brauchen:

Die Künste.

Musik, Malerei, Bücher, Video- und Gesellschaftsspiele, Film und Fernsehen, alles, was sich jetzt leicht konsumieren lässt. Haben wir genug der Künstler am Existenzminimum gerettet, können wir die Kunst auch wieder nutzen, um diese Pandemie zu verarbeiten. Doch jetzt brauchen wir vor allen Dingen eines: süße Unterhaltung.
Und man kann alles (aus)probieren. Du magst keine Schokolade (sich in Büchern verlieren), iss Chips (eine Runde Memory), du magst kein Eis (Beethoven oder Taylor Swift), iss Lakritz (Pornos sind auch Kunst)! Die Geschmacksfrage kann für alle beantwortet werden. Geht nicht raus und belastet die systemrelevanten Jobs, bleibt drin und genießt das Irrelevante und seid damit relevant.

Außer ihr habt Kinder. Dann tut’s mir leid und ‚die Künste‘ bestehen aus zuckerfreien Reiswaffeln (Paw Patrol).

Text: M1 // Illu: m05k

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