Royale Blässe

Wenn mein Freund David nachts im Winter eine Doku auf N24 über eine Sonnenfinsternis schaut, bekommt er einen gleichmäßigen, tiefbraunen Teint. Ohne Abdrücke. Porentief. Sogar an den schwierigen Stellen, wie den Handinnenflächen, den Kniekehlen oder zwischen den Brunzkugeln und dem Warenausgang. Ich hingegen habe schon häufiger darüber nachgedacht den Satz „Kind, du siehst blass aus, bist du krank?“ patentieren zu lassen. Dann kann ich immer schön abkassieren, wenn ich meine bettbezugartige Haut der Öffentlichkeit präsentiere. Farbmuster: Kellerkind.

Aber jetzt ist alles anders. Also David ist immer noch knackebraun, weil er vor vier Monaten bei strömendem Regen an einem Fenster vorbeigegangen ist. Aber ich habe jetzt auch endlich einen Teint. Und ich weiß, dass dunkelgelb kein schöner Teint ist. Aber Teint ist Teint. Und ich weiß auch: ein Absatz, in dem das Wort Teint fünfmal vorkommt ist komisch, weil sich das Wort liest, als hätte es nichts mit den Buchstaben zu tun, aus denen es besteht. Aber Teint tärätä Teint.

Im Anschluss an Thailand sind Laura und ich nach Singapur weitergezogen. An beiden Orten gibt es ein – für uns Europäer – sehr interessantes Schönheitsideal: Farblos soll die moderne Frau sein. Neben den Regenschirmen, die von den Damen vornehmlich bei Sonnenschein benutzt werden, sind die Supermarktregale voll von Sunblockern und speziellen Whitening Cremes. Mit dem Markennamen ‚Snail White‘ werden die weiblichen Alphatiere geködert. Wenn ich mit 14 Jahren gewusst hätte, dass ich als kreidebleiches und schleimiges Pubertätswesen in Teilen Asiens in der ersten Herrenliga verkehren würde; die Unterhaltungen wären anders gewesen: „Kind, du siehst blass aus“ – lasziver Biss auf die Unterlippe – „heute schon was vor?“

Ansonsten ist Singapur das größte Asian-Fusion-Restaurant der Welt. Chinesen, Malaien und Inder. Dazu noch eine Menge Europäer.

Einer davon ist Max. Der hat uns dann auch gleich das Rotlichtviertel neben Little India gezeigt. Alkohol auf der Straße verboten. Keine Prostituierten erlaubt. Eine St. Pauli Version mit dem Sexappeal von Histamin-Intoleranz.

Nach den Erfahrungen aus Indien und Thailand fällt eines direkt auf: Die Stadt ist nicht nur diszipliniert und top organisiert, sondern auch so sauber, wie der hygienische, feuchte Tücher-Traum von Meister Proper. Man könnte hier tatsächlich von der Straße essen, würde aber sofort eine Strafe bekommen, weil man sein Essen auf der Straße serviert.

Ein luxuriöses Hotel und eine faszinierende Lightshow im botanischen Garten später ging es dann aber auch schon wieder weiter. Singapur ist außergewöhnlich aber nichts Besonderes. Ein Puzzle aus amerikanischer Architektur mit einem asiatischen Innenleben zu horrenden Preisen. Eine Stadt wie ein iPhone.

Das habe ich gesehen und gedacht: Die Bildunterschrift sollte hier besonders clever sein.

Das habe ich gesehen und gedacht: Die Bildunterschrift sollte hier besonders clever sein.

Ein Gedanke zu “Royale Blässe

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