Axel

Lange bevor die Deutsche Mark dem Euro wich, hatte ich schon meine erste persönliche Inflation durchgemacht. Nicht, weil meine Kindheit in Zimbabwe war – ganz behütet in Kempen am Niederrhein bin ich aufgewachsen. Die Finanzkrise fand im Kinderzimmer meines Bruders statt.

In einem verträumten Playmobildorf im Wilden Westen waren mein Cousin Axel und mein Bruder Conrad gerade dabei einen florierenden Marktplatz zu erschaffen. Mit einer Schere, Papier und Buntstiften hatten wir unsere erste Geldmalmaschine eingerichtet und zeichneten uns Blüten, die fünf und zehn Dollar wert waren. Über den Tag hinweg, handelten wir so Plastikobst und Plastikschweine. Für Pferde und Waffen musste man allerdings ziemlich lange malen. Angebot und Nachfrage. Ein Gewehr gab es zum Beispiel nur im Tausch mit vielen der Zehn-Dollar-Scheinen. Irgendwann gab Axel mir einen grünen Schein und nahm sich einen Schießkolben. „Hey, hey, hey. Ganz ruhig, Brauner“, fiepste meine Stimme, die noch viele Jahre vom Stimmbruch entfernt war, „100 Dollah!“, von Axel kam nur: „Ja, guck auf den Schein.“
Hinter die Zehn waren noch zwei kleine Nullen gekritzelt. Cleverer Junge. Aber auch der Beginn der größten Finanzkrise, die der Wilde Westen jemals gesehen hat. Conrad und ich sprangen auf den Zug mit auf. Reichsmark Verhältnisse. Die Scheine wurden länger und die Anzahl der Nullen nahm schneller zu, als Joschka Fischer in den 90er Jahren.

Die Haare sind inzwischen lockiger und er geht mit einem Anzug zur Arbeit. An guten Tagen trage ich ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Seyran Döner lecker fein – unser Döner, der haut rein.“ Der Kontakt mit Axel ist aber über die Jahre immer geblieben. In Kempen macht er inzwischen Karriere und war zuletzt für den Bau eines Einkaufszentrums verantwortlich.

Auf meinen Plan mit der Weltreise kam nur ein: „Wo soll ich dich besuchen?“. Jetzt bin ich also mit Axel in Indien unterwegs. Der perfekte Start, um ganz entspannt in die chaotischste Kultur der Welt einzudringen.
axel

tuut tuut

Ein Gedanke zu “Axel

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