Muhammad Bali

‚Klöng, Klöng‘ der Kampf ist eröffnet.

Die Essensglocke hallt noch durchs Haus, nachdem meine Mutter das Mittagsgericht aufgetischt hat. Es ist Zeit. Jetzt wird er erkennen, dass der Stift mächtiger ist als das Schwert. Das Schwert ist in diesem Bildnis mein Bruder und der Stift ist der Stift, den ich ihm grade an den Hinterkopf geworfen habe. Nach meinen Berechnungen bleiben mir jetzt noch zweieinhalb Sekunden, um das ganz Weite zu suchen. Wie ein präpubertierender Indiana Jones wetze ich nach erfolgreicher Provokation davon, während die wütende Steinkugel hinter mir her rollt. Ein Tackling später lande ich auf dem Boden meines Zimmers und kassiere Conrads Lieblingskleidungsstück: eine Tracht Prügel.

Mit irrem Blick thront er auf meinem Brustkorb. Der Unterkiefer steht weit vor und seine Kniespitzen bohren sich in meine Oberarme. Durch sein vor Wut mahlendes Gebiss zischt er dann unaufhörlich die Frage, die quälende Frage, die große Brüder ihre kleinen Brüder seit tausenden von Jahren stellen.

„Warum schlägst du dich selber?“

Heute habe ich ausnahmsweise eine passende Antwort auf diese fremdgesteuerte Selbstkasteiung. Obwohl ich meinem Widersacher wortwörtlich unterlegen bin, ist es nicht Conrad, der heute als Sieger aus dem Geschwisterkampf hervorkommen wird.

Ein fairer Fight zwischen meinem Bruder und mir war schon immer ganze drei Schubser auf Augenhöhe. Meine Muskelstruktur ist für die hohen Künste geschaffen und nicht für das proletarische Handgemenge. Die vielen unrechtmäßig zugefügten Brennnesselattacken, Eisbeine, Hodenflicker und feuchten Fuzzis mussten mit einer Taktik gekontert werden, damit dem pösen Puben seine gerechte Strafe zuteilwird.

Wie ein wahnsinnig gewordener Mitarbeiter der Augsburger Puppenkiste verteilt er seinem Spielzeug Backpfeife um Backpfeife; fragt dabei aber fürsorglich nach meiner Motivation. Was er nicht hört, sind die schnellen Schritte, die die Treppe hocheilen. Schwarze Birkenstock in Lackoptik. Den Rhythmus erkenne ich. Der Beat zum Lied „ich stand jetzt eine Stunde in der Küche, um für euch Essen zu kochen und ihr macht wieder irgendeinen Scheiß da oben“. Ein Evergreen.

Auftritt Mutter im Türrahmen: „CONRAD?!“ Die Betonung ist entscheidend. Das „Con“ ist verwundert wütend, das „Rad“ zweifelt vorhandene Intelligenz an. Oh süßer Schmerz. Ich höre auf mich selbst zu schlagen und schaue mit rehartigen Augen so verstört, wie es geht. Meine Mutter richtet ihren Blick hilfesuchend gen Himmel und erst jetzt fällt es ihm wie Schuppen aus den Haaren. Ich lächle meinen Widersacher an. Das Wort, das du suchst ist „invlaggranti“. Erst Jahre später sollte ich lernen, wie man es wirklich schreibt.

‚KRRK.‘ nächste Runde.

„Now get up.“ Die unbarmherzige Blondine gibt mir mit ihrem schweren tschechischen Akzent zu verstehen, dass der Halswirbel wieder da ist, wo er hingehört.
„No running. No swimming. No motorbikes. No party. No surfing.“ Jetzt zählt die Chiropraktikerin einfach nur meine Sozialaktivitäten der letzten Jahre auf.
„So basically no fun?“, will ich es genauer wissen.
Sie hält mir einen Blister mit sieben Schmerztabletten vor die Nase. „This is your fun for the next week.“

Ich bin seit drei Tagen auf Bali, habe vor zwei Tagen mit dem Surfen angefangen und vor 24 Stunden ist mir ein Wirbel aus dem Rückgrat gesprungen. Da wo ich herkomme, nennt man das Effizienz. Nachdem ich in Thailand noch neben meiner Freundin rumliegen konnte, nutze ich die Zeit im Surfcamp also nun, um neben dem Pool rumzuliegen. Der ist definitiv schwieriger zu löffeln aber leichter zu löffeln.

Die Gruppendynamik der Surfcampinsassen ähnelt der eines katholischen Ferienfreizeitcamps. Alles nett, jeder freundlich, Gott ist abwesend. Die Fluktuation ist höher aber die Grüppchenbildung nach Nationalitäten ist gleichbleibend stark. Conrad hat seinen Kumpel Vincent mitgebracht und wir kriegen schneller Anschluss als ein Wolfsburger im Fernverkehr. Die Amtssprache im Freistaat Kima Surfcamp ist Deutsch. Schweizer, Österreicher und Deutsche tummeln sich hier in Massen. Wir durchbrechen den Kreisel der internationalen Abschottung und adoptieren eine Irin, die mehr qualmt als der Ruhrpott.

Als es mir nach einer Woche bessergeht, entscheide ich mich meinen Körper zu stählen. Mein fragiles Skelett braucht muskuläre Unterstützung. Im Fitnessstudio beginne ich nach dem Aufwärmen mit einem Klimmzug. Mein Halswirbel lacht laut auf und geht dann schon mal zur chiropraktischen Tschechin vor. Man könnte behaupten, dass ich ein Idiot bin, der nicht mal sieben Tage die Wirbelsäule stillhalten kann. Aber das wäre die Wahrheit und für mich nicht so leicht zu verkraften.

Die zweite Woche „no fun“ steht in den Startlöchern und ich bereite mich auf heavy petting mit einer 600er Ibu vor, als Conrad sich, in einem Anflug emphatischer Bruderliebe, bei einer Massage einen Hexenschuss holt. Von da an watscheln wir gemeinsam Richtung Sonnenuntergang. Wir verstehen uns jetzt besser. Eine Theorie: Unsere Mutter ist 12.000 Kilometer entfernt und da sind die Birkenstocks so schwer zu hören.

Käthe Gabrowski in ihrem Tante Emma Laden

Käthe Gabrowski in ihrem Tante Emma Laden

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