Stuhlganges

Wenn man mit mir um 12 Uhr ein Treffen ausmacht, dann kann man sicher sein, dass ich um Punkt 12 Uhr – und keine Minute später – zu Hause unter der Dusche stehe und mir grade die Plauze einseife. Ich bin ein leidenschaftlicher, herumtrödelnder Zuspätkommer. „Zu früh ist auch unpünktlich“ trichterte mir meine Großmutter schon im jungen Alter ein und solch eine Respektlosigkeit würde ich mir niemals zu Schulden kommen lassen. In die andere Richtung ist aber leider Open End. Meine Freunde und meine Familie haben sich entweder mit meiner temporären Schusseligkeit arrangiert oder mir fällt grade auf, dass ich schon länger nichts mehr von diversen Leuten gehört habe.

Ihr kennt den Typen, der bei McDonalds in der Schlange erst überlegt was er haben möchte, wenn er ganz vorne steht? Das bin ich. Der König des Rumeierns. Axels Temperament ist die gebündelte Gelassenheit von jedem Menschen auf der Welt, der hinter diesem Eierkopf steht. Burger King Schlangen eingeschlossen. Er hat die Geduld eines Engels, der keine Geduld hat. Nerven so dick wie einblättriges Klopapier. Obwohl Axel von den zwei Indien-Rundreise-Wochen mindestens zweieinhalb Tage davon auf mich gewartet hat, verging die Reise wie im Flug. Zwischendurch zumindest. Ansonsten verging die Reise wie im Auto.

Unbequem, dreckig und beklemmend sind nicht nur beschreibende Adjektive für eine Fahrt in einem Clownsfahrzeug, wenn es mit dem Zirkus in die wohlverdienten Sommerferien geht. Das gibt es auch alles im Nachtzug von der anarchistischen Stadt Varanasi nach Agra. In Indien benutzen 25 Millionen Menschen täglich die Bahn. 24 Millionen davon waren in unserem Zug unterwegs. Eine Erfahrung wie das sanfte Aufwachen an einem Sonntagmorgen, während man verkatert in der U-Bahn inmitten einer japanischen Reisegruppe am Kölner Neumarkt steht. Schön – aber geht schöner.

In der Wüstenstadt Jaisalmer konnte ich meine auf-welchen-Tieren-ich-schon-geritten-bin-Liste um den Faktor Kamel erweitern. Eine unvergessliche 47-minütige Tour. Und für alle Leute, die jetzt sagen „aber Martin, warum weißt du denn so genau, dass du 47 Minuten auf diesem anmutigen Tier gesessen hast?“, habe ich nur zwei Antworten: 1. Nicht in diesem selbstgefälligen Ton, Freunde der Sonne! 2. Wenn ihr schon mal 47 Minuten auf euren eigenen Hoden verbracht hättet, dann würdet ihr euch auch an jede kostbare Sekunde erinnern.

Unser Kameltreiber Rajender hatte die Aufgabe, uns und unsere Kamele namens Radju und Michael Jackson (weder verwandt noch verschwägert) – an der Leine führend – zu einer Sanddüne zu bringen, damit wir dort den indischen Sonnenuntergang beaugapfeln konnten. Da Raj aber der gesprächigste aller Kamel-Gassi-Geher ist, waren wir erst drei Telefonate und sieben Gespräche mit anderen kameligen Reiseleitern später am Ziel. Dann hatten wir genau drei Atemzüge Restsonne, bevor wir uns wieder auf die eigenen Weichteile schwangen, um in die schmerzerfüllte Dämmerung zu schwanken. Mein erster und letzter Kamelritt mit Rajenders analogem Facebookfeed lässt nur ein Fazit zu: Servicewüste Wüste.

Aber selbst 16 Tage Indien gehen irgendwann mal nach 16 Tagen vorbei. Zusammenfassend und klischeebehaftet gesagt, ist Indien eine Reise wert. Die Leute spucken und pinkeln auf die Straße. Feste und scharfe Nahrung wird nach dem Verzehr nie wieder ihren Härtegrad zurückgewinnen. Durch den Smog sehen die Städte alle so aus, wie Playstation 4 Spiele, die man auf der Playstation 3 spielt: Die Grafikkarte kann die großen Datenmengen nicht verarbeiten und jedes Gebäude, das weiter als 200 Meter entfernt ist, wird in einen leicht krebserregenden Nebel eingehüllt. Stinkend, ohrenbetäubend aber irgendwie charmant. Wenn ihr zu der pingeligen Fraktion gehört, dann besucht dieses Land und entwickelt maximal zwei acht weitere Phobien. Die Abenteurer unter euch können sich sicher sein, dass sie so etwas noch nicht gesehen haben. Ihr werdet staunend nach Hause kommen.

Viele von euch sogar lebend.

Liebling? Lässt mich dieses Kamel fett aussehen?

Liebling? Lässt mich dieses Kamel fett aussehen?

2 Gedanken zu “Stuhlganges

  1. Ich hab mich mal todesmütig auf einen Pferdesattel auf einem Pferd geschmissen. Das Gefühl war wie das Eieraneinanderschlagen zu Ostern – eines gibt definitiv nach. Ich glaube, es war das Rechte. Bin etwas verwundert, dass du nicht die Sekunden gezählt hast. Bist wohl eher einer von der hartgekochten Sorte!

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  2. Pingback: Ein Surfergirl allein in Indien: Unerwartete Surf-Abenteuer in Kerala

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