One Rule

„Wenn es nicht piepst, dann ist es wohl umsonst.“ Die Rewe-Kassiererin starrt den Mann, der grade eine große Packung extra flauschiges Klopapier kaufen will, lange in die Augen. Durch sein verkrampftes Lächeln formt der junge Kerl nervöse Lachgeräusche, die wie das Kläffen eines süßen kleinen Hundebabys klingen, dem aber unangenehm ist, dass sich sein Bellen noch sehr unbeholfen anhört. Ihr Blick ist nicht finster oder wütend. Er ist einfach leer. Leer und erschöpft von so wenig Einfallsreichtum. Ohne mit dem haarigen Muttermal an ihrem Mundwinkel zu zucken, lehnt sie sich nach vorne. Sie hält den Blickkontakt aufrecht und spricht burnoutig seufzend in das Mikrofon. „Herr Müller. Bitte an Kasse Drei.“ Mein Lächeln ist immer noch eingefroren und ich bin mir nicht sicher, ob ich noch einen anderen Spruch machen soll. Einen, den die Kassiererin eben nicht schon eine fantastilliarde Mal gehört hat. Um die Stimmung und mein Gesicht zu lockern. So ein kaputter Barcodescanner ist aber auch keine Spielwiese für kreative Kalauer.

Die toten Augen der Kassiererin sehe ich in Indien – auch ohne dumme Sprüche – jeden Tag. In den Gesichtern hinter jedem Steuer eines Tuk-Tuks. Eines Motorrads. Eines Autos. Während auf den Straßen das Chaos herrscht, sind alle Fahrer anscheinend abgestumpft. Die indischen Verkehrsteilnehmer bewegen ihre Füße zum Gaspedal runterdrücken und um die Bremse zu quälen. Sie bewegen ihre Arme, um ständig in kranken Überholmanövern mit dem Lenkrad nach links und rechts zu steuern. Und sie bewegen ihre rechte Hand, um die (!) ganze (!!) Zeit (!!1elf!!) zu Hupen. Ununterbrochen. Dauernd. Bis in alle Ewigkeit. Nur ihre Augen bewegen sie nicht. Mit den tiefen dunklen Rändern darunter sehen sie auf die Straße, wie ein psychopathischer 56-facher Serienkiller, der gerade dabei ist Opfer Nummer 57 zu filetieren. Die Pupillen blicken apathisch auf das ewige Wirrwarr, das um sie herum existiert. Dieses Wirrwarr ist Indien.

Es gibt einfach so unfassbar viele Menschen hier. Axel und ich sind durch eine kleinere Stadt gefahren und der Fahrer redete über eben jenes small village. „Wie viele Einwohner gibt es hier denn?“ – „Ach. Nur eine Million.“ Insgesamt sind es 1,25 Milliarden. Diese Zahl ist gewaltig; aber erst, wenn man in Delhi war, beginnt man die Ausmaße zu begreifen. Und jeder einzelne von diesen Einwohnern muss ständig überall hin. Diese vielen Menschen quetschen sich dann auf ein – mit wenigen Ausnahmen – völlig veraltetes Straßennetz, das geringfügig vom Staat überwacht wird und nur über absolutes Chaos funktioniert. Das Miteinander im Straßenverkehr ist eine Mischung aus totaler Ignoranz und einem ständigen auf-sich-aufmerksam machen. Die Hupe hat auch eine komplett andere Funktion: Bei uns ist sie in erster Linie eine Aggressionskanalisierung, in Indien ist die eigene Hupe der fehlende Rückspiegel des Vordermannes.

Zur Veranschaulichung: Man nehme einen gigantischen Ameisenhaufen mit einer unendlichen Anzahl von kleinen Ameisen. Auf dem Haufen sind so viele Ameisen, dass man den Haufen fast gar nicht mehr sieht. Und die Stellen vom Haufen, die man sieht, werden mit unzähligen kleinen Müllhäuflein überzogen. Außerdem besitzt die eine Ameisenbevölkerungshälfte entweder einen winzig kleinen Roller, eine winzig kleine Autorikscha oder sitzt mit acht anderen Ameisen in einem winzig kleinen Auto. Und alle Ameisen, die einen lächerlich kleinen fahrbaren Untersatz besitzen, sind übrigens geisteskrank. Nicht in dem verspielten „Khihihi. Du bist ja verrückt“-Sinne. Schon eher ein großer Löffel ‚Unzurechnungsfähigkeit‘ mit einer Prise ‚anschließender Sicherheitsverwahrung‘. Auf kleiner Flamme mit einer Temperatur zwischen 35 und 45 Grad langsam köcheln und man hat ein delhikates Mahl, das einen für ein bis zwei Tage nur staunen lässt. Und in meinem Fall: extrem schwitzen.

Ein Inder aus Delhi klärte uns nach drei Tagen auf:
„In India there is only one rule – no rule.“

One Rule

„Nur ein Inder überblickt das Indien.“

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