Feiertagsgeschichten

An Feiertagen passieren abgefahrene Sachen. Heute ist der australische Nationalfeiertag und deshalb erzähle ich Euch eine abgefahrene Geschichte. Es ist nicht meine Geschichte, sondern die von Charlie. Ich treffe Charlie in Fidschi auf einer nahezu einsamen Insel. Er ist Surflehrer in einem Resort, das Platz für maximal 21 Gäste bietet. Gerade ist die Auslastung überschaubar. Außer mir gibt es noch einen weiteren Gast. Da kommt man mit dem Surflehrer schon mal ins Gespräch. Besonders, wenn die Wellen nicht richtig brechen. Das findet Charlie zum Kotzen. Regt sich hier und da auf, und ist auch sonst nicht ausgelastet.
Seine Großeltern waren Rinderbauern. Seine Eltern waren Rinderbauern. Er ist Rinderbauer mit eigener Surfschule. Wenn es „kalt“ wird in Australien, zieht es ihn nach Fidschi, um hier dicken Touristen das Surfen beizubringen. „Nur das Eine oder das Andere geht nicht.“ Im Herzen ein Surfer und Bauer im Kopf.

Das Abendessen wird gemeinsam eingenommen. Das Bier auch. Charlie kommt ins Schwadronieren. Er ist nicht die hellste Fackel am fidschianischen Strand, hat aber interessante Ansichten zum Leben, zum Tod und wie man die Welt retten kann („Jeder Mensch auf der Welt bekommt eine Pille. 50% aller Pillen sind mit Gift gefüllt. Bam! Das Ende der Überbevölkerung, meine Damen und Herren.“ – Äh, ja.). Seine Alkoholeskapaden hat er weitestgehend hinter sich gelassen. In Australien trinkt man traditionell nicht bis man voll ist, sondern bis alle voll sind. Und sich prügeln. Um danach weiterzutrinken.

„Was ist deine abgefahrenste Geschichte?“, fragt Charlie rhetorisch, um seine abgefahrenste Geschichte erzählen zu können.

„Erzähl deine“, fordere ich ihn auf, ohne zu ahnen, was alles an einem australischen Nationalfeiertag passieren kann.

Charlie und die Alkoholfabrik

„Jedes Jahr am Australia Day machen wir uns so richtig voll,“ beginnt Charlie die Story. „Vor ein paar Jahren ging ich schon mittags mit meinen Freunden zum Strand runter und wir soffen. Bier und Schnaps. Australisches Barbecue halt. Ab nachmittags kamen harte Drogen hinzu, damit das mit dem Weitersaufen klappte. Abends noch mehr. Dann ging‘s auf eine Hausparty. Um 24 Uhr war ich schon 12 Stunden voll, und mein Kumpel holte sein Gewehr raus.“

„Sein Gewehr?“, unterbreche ich ihn.

Charlie bekommt ein breites Grinsen. „Sein Luftgewehr. Aber ein Riesending. Der hat auch eine Farm und ist manchmal ein bisschen komisch im Kopf.“

„Mhm“, mhme ich.

„Also wollte ich wissen, worauf er denn schießen will. Er guckte mich an und sagte, dass er vielleicht auf mich schießen will. Ich zog mein T-Shirt aus und fragte freundlich aber bestimmt, was sein fucking Problem sei. Du kannst einem Australier nicht drohen und dann davon ausgehen, dass er nicht zurückdroht. Also zog er auch sein T-Shirt aus und schrie: ,wer blöde Fragen stellt, bekommt blöde Antworten.‘ ‚Du traust dich doch eh nicht‘, rief ich zurück. Wir standen Kopf an Kopf und waren bereit zu kämpfen. Er hatte sein Gewehr in der Hand und ich einen Becher mit Bier. Außerdem eine Rolle Klopapier, weil ich eigentlich auf Toilette gehen wollte.“

„Warum habt ihr eure T-Shirts ausgezogen?“

„Hast du schon mal Gorillas kämpfen sehen?“, antwortet Charlie fragend. „Tragen die T-Shirts?“

„Aber Gorillas sind doch physisch eher beeindruckend, oder?“, frage ich antwortend. Als Surflehrer hat Charlie tatsächlich kein Gramm Fett an seinem Körper. Er ist aber dermaßen dünn, dass es so aussieht, als wäre seine Knochenhaut durchtrainiert und darüber ledrige Klarsichtfolie gespannt.

„Außerdem wird dann das T-Shirt nicht dreckig“, ergänzt er. „Wir einigten uns ohne Prügelei, dass er aus zehn Schritten Entfernung auf mich schießen dürfe. Einsatz: 50 Dollar. Ich zog also meine Hose aus und…“

„Will ich wissen warum?“

„Die Hose war brandneu. Wenn da ein Loch reinkommt, dann habe ich nicht nur 50 Dollar verloren, sondern auch eine gute Jeans. Ich bin ja auch ein cleverer Typ“, lobt sich Charlie.

Ich nehme einen großen Schluck von meinem Bier und frage die offensichtliche Frage: „Hattest du nicht Angst, dass er dir in den Schniepi schießt?“

„Ich hatte an dem Tag schon so viel Ecstasy genommen“, winkt er ab. „Der war nur noch mikroskopisch.“ Charlie lacht, während er auf die Spitze seines kleinen Fingers zeigt.

„Weil du so ein cleverer Typ bist“ nicke ich ihm aufmunternd zu.

„Außerdem ließ ich mich auch nicht einfach so abschießen. Ich machte Hampelmänner und hüpfte in der Gegend rum. Er war komplett voll und hatte nur einen Schuss. Die Chancen, dass er mich traf, waren bei null.“

„Und?“

„Er traf.“

„Wohin?“

„Zum Glück nur in die Wade. Und ihm tat es auch leid. Durch den ganzen Alkohol merkte ich aber fast nichts. Es blutete ein wenig. Pflaster drauf. 50 Dollar bezahlt. Weitergesoffen“, Charlie trinkt den letzten Schluck aus seiner Bierflasche.

„Abgefahrene Geschichte …“, gratuliere ich.

Er öffnet die nächste Bierflasche. „Die jetzt erst losgeht.“

Schuss vor den Bug

„Gegen fünf Uhr nachts nahm ich meine Ex-Freundin mit nach Hause. Wir waren beide voll und trieben es. Das letzte Mal, dass ich davor Sex mit ihr hatte, war noch in meiner alten Wohnung. Die alte Wohnung mit der kleinen Extra-Toilette direkt am Schlafzimmer,“ ergänzte er und schwenkt seine Bierflasche verschwörerisch. „Wir waren also fertig und sie sagte, dass sie auf Toilette müsse. Während sie aufstand lehnte ich mich zufrieden zurück und schloss die Augen. In meinem besoffenen Kopf kriegte ich aber grade noch mit, dass ich nichts mitkriegte. Weder wie irgendeine Zimmertür geöffnet wurde, noch wie jemand den Raum verließ. Ich hörte nur die Schranktür.“

„Oh no.“

„Exakt. Oh no. Ich sprang auf, taumelte zum riesigen Kleiderschrank und öffnete ihn. Meine Ex saß auf der Wäschetonne und pinkelte vor sich hin. Sie erschrak und knallte die Tür zu. Sie schrie dabei, dass ich auch früher nie ihre Privatsphäre respektiert hätte.“

„Was für eine Story!“, lache ich.

 Urine Trouble

 „Geht ja noch weiter. Danach stritten wir noch ein wenig und sie ging nach Hause. Mein Rausch war fast vorbei. Und was macht man mit der angefangenen Nacht am Australia Day?“, fragt Charlie in die Runde, die keine Runde war.

„Ähm.“ Mein Gesicht ist ein Fragezeichen.

„Richtig. Nackt surfen gehen.“

„Aha.“ Mein Gesicht bleibt ein Fragezeichen.

„Ich wohnte direkt neben dem Strand. Also packte ich das Brett unter den Arm, rief meine Kumpels an, die immer noch auf der Party waren und zwanzig Minuten später saßen wir auf unseren Surfboards und warteten nackig auf die nächste Welle. Die Sonne ging auf. Das Leben war schön.“

Da bleibt kein Auge trocken.

Ich lächle zufrieden. „Das ist also ein australisches Happy End?“

„Nicht ganz. Gegen acht Uhr kam ich endlich erschöpft und glücklich ins Bett. Ich weiß, dass ich keinen Kater kriege, wenn ich vorher den Alkohol schon rausgesurft habe. Keine Schmerzen waren nach so einer Nacht schon erstrebenswert. Drei Stunden später wachte ich auf. Und was war?“

„Schmerzen?“

„Schmerzen! Mein Schädel und mein Bein taten höllisch weh. Also warf ich zwei Tabletten ein, rauchte einen Joint und legte mich wieder hin. Gegen 19 Uhr wachte ich wieder auf.“

„Große Schmerzen?“

„Es war nicht zum Aushalten. Mein ganzer Körper zitterte. Der Schmerz strahlte von meinem Bein in den gesamten Körper. Meine rechte Wade war doppelt so groß wie meine linke“, sagt Charlie aufgeregt. „In dem Ort, aus dem ich komme, kennt jeder jeden. Also rief ich den Dorfarzt an. Der war selbstverständlich auch verkatert vom Vortag und hatte die Praxis deswegen geschlossen. Sein Rat an mich: viel schlafen.“

„Soll bei Schusswunden ja bekanntlich Wunder wirken“, merke ich an.

Charlie lacht kurz. „In der Nacht schlief ich keine einzige Sekunde. Ich stellte mein Bein hoch – das war die einzige Möglichkeit, es etwas erträglicher zu machen. Am nächsten Tag lag ich genauso im Wartezimmer vom Arzt. Ich bestand komplett aus Schmerzen und wegen meines unerträglichen Gestöhnes ließen mich die anderen Patienten vor. Der Arzt bekam große Augen, nachdem er mein Bein das erste Mal sah. Die Wade war noch dicker geworden, Eiter lief aus dem ehemals winzigen Einschussloch, und das gesamte Bein war dunkelrot.“

Welches Wort sagt man auf einer paradiesischen, fidschianischen Insel zu seinem Surflehrer?

„Igittigitt!“

„Nachdem ich den Arzt auf den neusten Stand brachte, war das erste, was er fragte, ob meine Ex-Freundin tatsächlich in den Kleiderschrank gepisst hätte. Die zweite Frage drehte sich um das leidige Thema, ob ich vielleicht ein wenig zurückgeblieben wäre. Mit einer offenen Wunde, welcher Art auch immer, ins Meer zu gehen, zeuge nicht von überschäumender Intelligenz.“ Charlie schaut gen Horizont und lächelt. „Recht hatte er. Die dritte Frage war dann auch zugleich die Lösung für das Rätsel, warum mein Bein wie eine Requisite aus dem Film ‚Angriff der übelst ekelhaften Horrorbeine‘ aussah. Er wollte wissen, wo die Austrittswunde des Bleigeschosses war.“

„Bei einem Luftgewehr steckt die Bleikugel doch nur oben in der Haut“, gebe ich fachmännisch zu Protokoll. Ich besitze immerhin die gesammelte Erfahrung, von einem ganzen Mal Luftgewehrschießen.

Charlie nickt. „Normalerweise schon. Das Gewehr von meinem Kumpel war aber ein wenig frisiert, und so steckte die Kugel tief im Muskel und entzündete alles um sich rum. Das Bein musste operiert werden, und ein paar Wochen später konnte ich dann erst wieder surfen gehen. Das war mein Australia Day.“

„Wie sieht ein Weihnachtsfest bei euch zu Hause aus?“, frage ich gespannt.

Charlie überlegt kurz. „Oh. Vor ein paar Jahren bin ich bei einem Motorradunfall in meiner Scheune fast gestorben. Noch zwei Bier?“

„Definitiv.“

Bam.

Illustrationen: olga

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